Erdstalltagung 2010 in Raabs an der Thaya/Niederösterreich

Liebe Erd­stall­freunde,

ein neues Gesicht ver­birgt sich hin­ter den Zei­len des fol­gen­den Berich­tes. Natür­lich soll zuvor nicht ver­säumt wer­den, der bis­he­ri­gen Ver­fas­se­rin der Tagungs­be­richte, Doro­thée Klein­mann, für ihre lang­jäh­rige geleis­tete Arbeit zu dan­ken. Da ist schon eine Menge geschrie­be­nes Wort zusam­men­ge­kom­men. Cha­peau, Dorothée.…

Natür­lich, Tagun­gen ste­hen unter einem Pro­ce­dere: in die­sem Jahr stand eine Sat­zungs­än­de­rung auf dem Pro­gramm. Nach­voll­zieh­bar, des­halb wurde sie von den fast 50 Anwe­sen­den auch ohne viel Auf­he­bens abgenickt.

Danach folgte die Wahl des neuen Schrift­füh­rers (siehe oben). Der ich mich im Übri­gen gerne gestellt habe. Wenn man sieht, was andere Mit­glie­der des Arbeits­krei­ses an Zeit opfern, dann sind die zu bewäl­ti­gen­den Pro­to­kolle ein eher klei­nes Unterfangen.

Dank Dr. Hein­rich Kusch dür­fen wir nächs­tes Jahr mit unse­rer Erd­stall­ta­gung ein sicher auf­re­gen­des Wochen­ende in Vorau/Steiermark erle­ben. Wer es genau wis­sen will: vom 16. bis zum 18. September.

Johann Mayer vom Jugend– und Fami­li­en­haus Raabs begrüßte die Anwe­sen­den im Gäs­te­haus. Die­ter Ahl­born dankte mit zwei recht bun­ten Blu­men­sträu­ßen in der lin­ken Hand der lang­jäh­ri­gen Schrift­füh­re­rin Doro­thée Klein­mann und natür­lich der Chef­or­ga­ni­sa­to­rin der Jah­res­ta­gung in Raabs, Edith Bednarik.

Vor­träge waren in die­sem Jahr eher rar gesät, dafür stand mehr Anschau­ungs­un­ter­richt auf dem Pro­gramm. Wen wun­dert es, in einem Land­strich, wo man Gefahr läuft, auf Schritt und Tritt in einem Erd­stall zu ver­sin­ken (wor­über der Ver­fas­ser im Übri­gen nicht unglück­lich war, ver­zeich­net er doch noch ein gewis­ses Defi­zit im Befah­ren sel­bi­ger). Edith refe­rierte denn auch sofort nach Die­ter Ahl­borns Begrü­ßung über den Tagungs­ort Raabs, der Perle des Tha­ya­tals, und die zu erwar­ten­den Erdstall-Schmankerl des Wochen­en­des, was bei so man­chen sicht­lich Genug­tu­ung auf­stei­gen ließ. In einem Satz: am Sams­tag stan­den acht Erd­ställe auf dem Pro­gramm und am Sonn­tag folg­ten in Ulrich­schlag fünf hin­ter­her. Ein­ge­bet­tet von Edith Bed­na­rik in ein aus­ge­tüf­tel­tes Orga­ni­sa­ti­ons­ys­tem, was den Besich­ti­gungs­ab­lauf betrifft.

Wie schon erwähnt: Vor­träge stan­den weni­ger auf dem Pro­gramm. Trotz­dem ertrotze sich Hein­rich Kusch am Frei­tag­abend noch ein Stünd­chen , um alle Tagungs­teil­neh­mer auf die Stei­er­mark im Jahr 2011 ein­zu­stim­men. Es gelang ihm gut mit sei­nem Motto «Die Ver­brei­tung von unter­ir­di­schen Anla­gen und Stein­set­zun­gen in der Stei­er­mark». Darin prä­sen­tierte er Teile der For­schungs­er­geb­nisse der zurück­lie­gen­den Zeit. Erstaun­lich doch, dass in den zurück­lie­gen­den drei Jah­ren ein fast explo­si­ons­ar­ti­ger Anstieg von Ent­de­ckun­gen an Men­hi­ren, Loch­stei­nen und unter­ir­di­schen Gän­gen zu ver­zeich­nen war. Beein­dru­ckend dazu auch das Bild­ma­te­rial, so konnte sich jeder vom fast 8 Meter lan­gen «Schiff» beein­dru­cken las­sen, einem (lei­der) umge­stürz­ten Men­hir. Und über allem kreiste die Frage, ähnlich wie bei den Erd­stäl­len: Wel­che Bedeu­tung hatte das alles?

Sams­tag­vor­mit­tag bil­de­ten sich dank Ediths groß­ar­ti­ger Vor­ar­beit vier Grup­pen unter den (Sonnen-)Schirmherren/frauen Edith Bed­na­rik, Lothar Büscher, Ger­hard Holischka und Mar­tina Rehn. Wie schon erwähnt, das Wald­vier­tel strotzt vor Erd­stäl­len. Vor­teil für die Teil­neh­mer der dies­jäh­ri­gen Jah­res­ta­gung, die Fahrt­wege zu den Objek­ten der unter­ir­di­schen Begier­den war gering. Ein­stei­gen in die Wagen, kurz fah­ren, aus­stei­gen und besich­ti­gen… mode­ra­ter konnte es nicht zugehen.

Auf dem Pro­gramm stan­den an die­sem Tag bei aller­schöns­tem Wet­ter fol­gende Erdställe:

Erd­stall Sig­mund in Unter­pfaf­fen­dorf
Bevor über­haupt der Erd­stall betre­ten wurde, gab es ein ande­res Glanz­stück zu bewun­dern. Einen Steyr-Traktor aus dem Jahre 1954. Da waren man­che der Teil­neh­mer noch gar nicht gebo­ren. Wie alle fol­gen­den Anla­gen bestach der Erd­stall durch einen Rund­gang, der schön her­aus­ge­ar­bei­tete Licht­ni­schen und Dampf­lö­cher aufwies.

Erd­stall Mül­ler in Auten­dorf
Beson­der­heit hier, dass die Bau­meis­ter der dama­li­gen Zeit ihre Gänge vor­treff­lich auf­ein­an­der zutrie­ben, aber sich dann doch im End­sta­dium einen Punk­te­ab­zug ein­han­del­ten. Schön­heits­feh­ler, würde man heute sagen.

Erd­stall Guts­hof Auten­dorf
Eine Anlage mit zwei Gän­gen, davon stand einer deut­lich unter Was­ser. Was Eli­sa­beth Zah­ner nicht daran hin­derte, im Schlupf des ande­ren zu ver­schwin­den. Ihre Erkennt­nis: «Da wäre durch­aus noch Fein­ar­beit nötig.» Denn der wei­ter­füh­rende Gang war bis zur Decke mit Schwemm­ma­te­rial auf­ge­füllt. Was sich dahin­ter ver­ber­gen mag?

Erd­stall Hauer in Nonn­dorf bei Dro­sen­dorf
Unweit des wun­der­schö­nen klei­nen Städt­chens Dro­sen­dorf erwar­tete die Gruppe ein aus­ge­spro­chen schö­ner Erd­stall, flan­kiert von einem mit­tei­lungs­freu­di­gen Besit­zer. Nicht wenige der Exkur­si­ons­teil­neh­mer erfuh­ren zum ers­ten Mal von Gabbro-Gestein, ein mag­ma­tisch, plu­to­ni­sches Gestein, das tief im Erd­in­ne­ren ent­stan­den ist. Gab­bro­vor­kom­men sind welt­weit ver­brei­tet, so in Deutsch­land im Harz, im Oden­wald und in Bay­ern in der Nähe von Furth in Wald. In Nonn­dorf exis­tierte lange Zeit hin­ter dem Anwe­sen Hauer ein Stein­bruch. Bemer­kens­wert in die­sem Erd­stall waren die Doppelrundgänge.

Erd­stall Hut­te­rer in Albers­dorf
2005 wurde die­ser Erd­stall durch einen Fahr­zeug­ein­bruch erst ent­deckt und noch im sel­ben Jahr von Edith Bed­na­rik ver­mes­sen. Heute fin­det man Zugang durch eine gesi­cherte Montagegrube.

Erd­stall And­rosch in Goschen­reith bei Karl­stein
Was für eine wun­der­bar her­aus­ge­ar­bei­tete Kam­mer erwar­tete die Besu­cher gleich zu Beginn auf der lin­ken Seite. Nur zu schade, dass der Rund­gang sehr unter Was­ser stand und zudem auf hal­ber Stre­cke ver­stürzt war.

Erd­stall Kainz bei Aigen
Wahr­lich ein außer­ge­wöhn­li­cher Erd­stall. Hatte der Rund­gang doch die Form einer baye­ri­schen Breze. Und durch die Dop­pel­ab­wei­chung wirkte er auch viel grö­ßer. Ein Besuch der sich für alle lohnte.

Ein Tag vol­ler Ein­drü­cke fand sein Ende. Halt, nicht ganz, zum gemüt­li­chen Aus­klang der Erdstall-Runde fan­den sich die Teil­neh­mer dicht gedrängt bei einem Most­heu­ri­gen in Obern­dorf unweit von Raabs. Wo man­cher gar für den Rest des Abends geblie­ben wäre, wenn, ja wenn nicht noch ein Abend­pro­gramm auf Eile gedrun­gen hätte.

Traude Cze­g­ley nahm in einem sagen­haf­ten Vor­trag den Aber­glau­ben im Mit­tel­al­ter ins Visier. Und wer danach immer noch nicht wusste, was die Rede­wen­dun­gen «da liegt der Hund begra­ben», oder «mit dem rech­ten Fuß auf­ste­hen», oder «das Glück beim Schopfe packen» bedeu­te­ten, der hatte eine frühe Aus­zeit genom­men. Wesent­lich mehr Teil­neh­mer haben eine späte Aus­zeit genom­men, trotz Ver­si­che­rung von Traude, doch auf einen Groß­teil des Vor­tra­ges ver­zich­tet zu haben. Und sie erfuh­ren viel über See­len­wan­de­rung und Zau­ber­sprü­che. Auf alles ein­zu­ge­hen, würde den Rah­men die­ses Hef­tes sprengen.

Natür­lich hat Edith vor Trau­des Vor­trag noch die fünf Ulrich­schla­ger Erd­ställe des Fol­ge­ta­ges vor­ge­stellt. Und dem Ver­fas­ser die­ser Zei­len war eine Vor­freude durch­aus anzusehen.

Der Sonn­tag brachte uns nach einem üppi­gen Früh­stück im JUFA Raabs zu den Ulrich­schla­ger Erd­stäl­len. Die an die­sem Tag alle einen beson­de­ren Höhe­punkt erleb­ten: ein Erd­stall­fest. Nicht irgend­ein Erd­stall­fest, son­dern das erste sei­ner Art. Ulrich­schlag mau­sert sich viel­leicht zum ers­ten Erd­stall­dorf Österreichs…?

Die Erst­ställe in Ulrich­schlag
Bereits 1903 ver­öf­fent­lichte Pater Lam­bert Kar­ner seine For­schungs­er­geb­nisse im Buch «Künst­li­che Höh­len aus alter Zeit», in dem auch die Erd­ställe in Ulrich­schlag beschrie­ben wer­den. Edith Bed­na­rik fand spä­ter noch einige wei­tere. Heute darf ver­mu­tet wer­den, dass alle Häu­ser der ursprüng­li­chen Besied­lung einen Erd­stall besa­ßen, der direkt vom Wohn­haus aus zugäng­lich war. Die erste urkund­li­che Erwäh­nung von Ulrich­schlag datiert aus dem Jahr 1112. Ergo dürfte Ulrich­schlag schon um 1050 bis 1100 als Dorf exis­tiert haben.

Erd­stall Schnei­der /Haus Nr. 8
Ein Erd­stall in Form der übli­chen Rund­gänge, eines wei­te­ren Gan­ges und einer gro­ßen Nische. Der Rest ist ein­ge­stürzt. Der Erd­stall befin­det sich nord­west­lich der Orts­mitte. Erhal­ten sind ein Rund­gang und davon aus­ge­hend ein ver­zweig­ter, blind enden­der Gang in nörd­li­che Rich­tung und ein ver­stürz­tes Gang­stück nach Süd­os­ten. Ange­legt wurde der Erd­stall zur Gänze in Amphi­bo­lit, ein meta­mor­phes Gestein, das sich bei der Gebirgs­bil­dung unter hohem Druck und hoher Tem­pe­ra­tur aus Basalt formte. In die­sem Erd­stall ist der Amphi­bo­lit fein­kör­nig bis kör­nig, straff geschie­fert und zeigt eine für die­ses Gestein typi­sche Bän­de­rung. Bemer­kens­wert an die­sem Erd­stall ist die Anlage im homo­ge­nen und kaum ver­wit­ter­ten Amphi­bo­lit, der einen mas­si­ven und har­ten Fels­un­ter­grund darstellt.

Erd­stall Litschauer/Haus Nr. 15
Ein beson­ders schö­ner Erd­stall, mit inter­es­san­ten Nischen und Quer­ver­bin­dun­gen , bei dem der Rund­gang voll­stän­dig erhal­ten ist.

Erd­stall Polt/Haus Nr. 18
Ein Rund­gang und ein klei­nes Gang­stück wur­den bei Bau­ar­bei­ten ent­deckt und sind gut erhal­ten. Das Gestein ist hier beson­ders hart, des­halb ist der Gang etwas enger als in den ande­ren Anla­gen. Von die­sem Erd­stall am östli­chen Orts­rand sind nur ein Rund­gang und ein klei­nes Gang­stück erhal­ten, ange­legt in wenig ver­wit­ter­tem meta­mor­phem Gestei­nen. Durch eine Stö­rung getrennt sind ein Parag­neis mit Amphi­bo­lit­la­gen und ein Ortho­gneis zu sehen. Eine Stö­rung ist eine Bewe­gungs­zone in der Erd­kruste, in der die Gesteine durch ruck­ar­tige Bewe­gun­gen gegen­ein­an­der ver­setzt wur­den. Auch die­ser Erd­stall ist in einem mas­si­ven und har­ten Fels­un­ter­grund ange­legt, wobei ver­schie­dene Gesteins­ar­ten aus­ge­höhlt wur­den. Ledig­lich ein klei­nes Gang­stück, das jetzt als Zugang zum Rund­gang genutzt wird, konnte durch den auf­ge­lo­cker­ten Bereich einer Stö­rung leich­ter gegra­ben werden.

Erd­stall Böckl/Haus Nr. 30
Ein voll­stän­dig erhal­te­ner, rela­tiv gro­ßer und daher auch bequem zu befah­ren­der Erd­stall. Er wurde vor weni­gen Jah­ren (2007) ent­deckt und zugäng­lich gemacht. Er ist einer der weni­gen in , der zur Gänze erhal­ten ist. Aus­ge­hend vom Zugang aus nord­west­li­cher Rich­tung ver­zweigt sich der Erd­stall und führt im Süd­wes­ten zu einem Rund­gang und im Nord­os­ten zu einem ver­zweig­ten, blind enden­den Gang­sys­tem und einer klei­nen Kam­mer, die durch ein Schlupf­loch in Boden­ni­veau zugäng­lich ist. Bei dem mag­ma­ti­schen Gestein han­delt es sich um einen Gran­odio­rit, der im Ver­gleich zu einem Gra­nit basi­scher ist. Er zeigt sich als mas­si­ges, nicht geschie­fer­tes Gestein mit Ein­spreng­lin­gen, die als Ein­zel­kris­talle bis zu 3 cm bzw. 1 cm mes­sen. Da der ganze Erd­stall in Gran­odio­rit ange­legt ist, ergibt sich für die­sen eine mini­male Aus­deh­nung von etwa zehn Metern. Die Ver­wit­te­rung ist im Erd­stall Böckl rela­tiv stark. Der Gran­odio­rit erscheint erscheint weit­ge­hend zer­setzt und es bil­dete sich Ver­wit­te­rungs­grus, umgangs­sprach­lich als Flins­sand bezeich­net. Darin ste­cken rund­li­che Fel­sen des­sel­ben Gesteins, soge­nannte Woll­sack­blö­cke (von Edith Bed­na­rik auch Knö­del genannt), in einer Größe von weni­gen Dezi­me­tern bis rund einem Meter als weni­ger ver­wit­terte Härt­linge. Sie erschei­nen regel­los ver­teilt. Die starke Ver­wit­te­rung des Gesteins und die damit gerin­gere Härte des Unter­grunds haben den Bau die­ses Erd­stal­les sicher­lich begünstigt.

Erd­stall Mölzer/Haus Nr. 31
Bei Erd­ar­bei­ten stieß der Besit­zer 1977/78 auf den Rund­gang eines Erd­stalls, von dem aus ein Gang bis unter die Küche des alten Hau­ses führt. Dort befin­det sich jetzt auch der enge Zugang.

Die Erd­stall­ta­gung in einer hoch­in­ter­es­san­ten Gegend endete im Böckl-Hof bei bes­ter Bewir­tung durch die Ulrich­schla­ger Feu­er­wehr und dem Saxophon-Ensemble Quar­tes­senz, mit vie­len Ein­drü­cken, die noch län­ger nach­hal­len. Nach­zu­tra­gen sei die gute Medi­en­re­so­nanz: so zeigte sich eine Mit­ar­bei­te­rin des Baye­ri­schen Rund­funks wäh­rend der Tagung recht wiss­be­gie­rig und in Ulrich­schlag tauchte ein TV-Team des ORF auf, deren Bei­trag erfreu­li­cher­weise einige Tage spä­ter auch recht umfang­reich ausfiel.

Edith Bed­na­rik dankte allen Erd­stall­be­sit­zern, die nicht nur den Besuch ihrer Erd­ställe ermög­licht haben, son­dern den vier Grup­pen prak­tisch den gan­zen Tag zur Ver­fü­gung gestan­den sind. Ihr ganz beson­de­rer Dank gebührte auch den «Erd­stall­füh­rern» Lothar Büscher, Mar­tina Rehn sowie Ger­hard Holischka, die ihre Auf­ga­ben her­vor­ra­gend erle­digt haben. Natür­lich Harald Böckl, in des­sen Hän­den die Orga­ni­sa­tion in Ulrich­schlag größ­ten­teils lag. Und auch die Teil­neh­mer beka­men ein Lob von ihr ab, tru­gen sie doch alle durch ihr dis­zi­pli­nier­tes Ver­hal­ten zu einem guten Gelin­gen der Tagung bei.