Erdstalltagung in Vorau 16. — 18. Sept. 2011

Wer gedacht hat, ihn erwarte in Vorau ein ruhi­ges Pro­gramm, der sah sich hin­ter­her gewal­tig getäuscht. Die Tagung begann am Frei­tag um Punkt 20 Uhr und 10 Minu­ten beim Kut­scher­wirt. Und danach gab es kein Hal­ten mehr. Der Bür­ger­meis­ter der Markt­ge­meinde Vorau, Mag. Bern­hard Spit­zer, eröff­nete sicht­lich stolz die Vorau 1Inter­na­tio­nale Erd­stall­ta­gung des Arbeits­krei­ses für Erd­stall­for­schung und wünschte den weit über 100 anwe­sen­den Per­so­nen einen guten Ver­lauf der Exkur­sio­nen, neue Erkennt­nisse und Fort­schritte bei der For­schungs­tä­tig­keit. Abschlie­ßend ver­säumte er es nicht, auf das weit­ver­zweigte Netz an unter­ir­di­schen Gän­gen und die Kraft spen­den­den Orte rund um Vorau hin­zu­wei­sen. Die Mei­nung vie­ler Anwe­sen­der: „Die­ser Ort ist rich­tig gewählt.“

Danach drängte es den 1. Vor­sit­zen­den des Arbeits­krei­ses, Die­ter Ahl­born, hin­ters Steh­pult. Char­mant begrüßte er das unzer­trenn­li­che Paar Ingrid und Dr. Hein­rich Kusch und wür­digt die Arbeit der bei­den und des gesam­ten Kusch-Teams. Die Region Stei­er­mark ist ein ganz beson­de­res Gebiet. Prä­his­to­ri­sche Anla­gen lie­gen neben Erd­stall­an­la­gen. Abschlie­ßend übergab er zwei Erin­ne­rungs­stü­cke an das Ehe­paar Kusch: einen bun­ten Blu­men­strauß an die Ingrid und einen gewich­ti­gen (neu­zeit­li­chen) Loch­stein an Dr. Hein­rich Kusch.

Aller guten Dinge sind drei. Dr. Hein­rich Kusch als Gast­ge­ber trat ans Pult. Den Wor­ten des Dan­kes an die Gemein­den für ihre Unter­stüt­zung bei der For­schungs­ar­beit folgte ein klei­ner Aus­flug zum neu gegrün­de­ten Ver­ein „Sub Terra Vorau“. Obmann die­ses Ver­eins ist Inge­nieur Tho­mas Knechtel.

Die fol­gende Stunde führte alle Anwe­sen­den einer­seits in die Arbeit des neu gegrün­de­ten Ver­eins ein bzw. bot einen klei­nen Aus­blick auf das in den nächs­ten bei­den Tagen zu Erwar­tende. Gute Aus­sich­ten für alle Teil­neh­mer. Die größte Frage blieb zu die­sem Zeit­punkt unbe­ant­wor­tet: Wie soll diese Masse an Erd­stall­in­ter­es­sier­ten durch die unter­ir­di­schen Gänge geschleust wer­den? Und zudem ober­ir­disch zusam­men­ge­hal­ten wer­den. 48 Stun­den spä­ter wusste jeder, es ist gut mach­bar. Vor­aus­ge­setzt, man hat Orga­ni­sa­ti­ons­ge­nies in Form des Kusch-Teams „eingekauft“.

Wir schrei­ben Sams­tag, den 17. Sep­tem­ber, 8.30 Uhr. Die Exkur­sio­nen began­nen. Circa 80 – 90 Per­so­nen auf­ge­teilt auf zwei Busse stan­den erwar­tungs­voll auf dem Park­platz des Stifts Vorau. Unter sich viel­leicht einen der vie­len unter­ir­di­schen Gänge des Stifts, über die Hein­rich Kusch ein­gangs zu berich­ten wusste. Danach ging es wie in einer Berg– und Tal­fahrt bei strah­len­dem Herbst­wet­ter los. Der erste Exkur­si­ons­tag im Raum Vorau konnte begin­nen. Unzäh­lige Fle­der­mäuse wuss­ten noch nichts von ihrem Unglück von den vie­len Höh­len­krabb­lern beläs­tigt zu wer­den. Es war­te­ten in unter­schied­li­cher Rei­hen­folge zwei Gang­frag­mente beim Meidl­bau­ern – eine der inter­es­san­tes­ten Anla­gen und die längste zugäng­li­che Anlage im Raume Vorau — und beim Feld­bau­ern (Fami­lie Schrot­ter) in Rie­gers­bach, Gemeinde Rie­gers­berg und eine unter­ir­di­sche, rekon­stru­ierte Anlage beim ehe­ma­li­gen Gehöft Lehen­bauer in Puchegg. Dazwi­schen war­tete noch eine kleine Exkur­sion zu diver­sen Loch­stei­nen, die bei Rie­gers­bach wie an einer Per­len­schnur auf­ge­reiht zu sein schei­nen. Bei dem einen oder ande­ren Glas Apfel­most oder beim Mit­tag­es­sen im Gast­hof Glatz-Kager auf der Erzherzog-Johann-Höhe in Puchegg wurde bereits hef­tig dar­über dis­ku­tiert, was nun bei dem Gese­he­nen unter die Rubrik Erd­stall fällt und was nicht. Was ein Erd­stall über­haupt sei? Und was irgend­wie sonst wo zu ande­ren Deu­tun­gen füh­ren könnte. Die Mei­nun­gen gin­gen aus­ein­an­der und wer­den wohl auch künf­tig ein ähnli­ches Ver­hal­ten an den Tag legen.

Wie nicht anders zu erwar­ten war, ging es nach einer kur­zen Ver­schnauf­pause am Abend beim Kut­scher­wirt mit Vor­trä­gen wei­ter. Nach einer kur­zen Begrü­ßung durch Die­ter Ahl­born und einem klei­nen, weni­ger spek­ta­ku­lä­ren Aus­flug über die Län­der­grenze zur dies­jäh­ri­gen Tagung der SFES im fran­zö­si­schen Haguenau/Elsaß übergab er den Staf­fel­stab an Dr. Hein­rich Kusch. Das tags­über Gese­hene konnte Revue pas­sie­ren und zudem gab es einen klei­nen Aus­blick auf das noch Kom­mende tags dar­auf. Ver­se­hen mit dem Ver­spre­chen Hein­rich Kuschs, dass am Sonn­tag tat­säch­lich Erd­stall­freunde voll auf ihre Kos­ten kom­men. Die Neu­gier stieg in unge­ahnte Höhen.

Nach dem Kusch­schen Vor­trag hatte Andreas Mit­ter­mül­ler Gele­gen­heit über die Tätig­kei­ten der baye­ri­schen Gruppe zu refe­rie­ren. Der Umzug des Arbeits­krei­ses von Roding nach Aying, bedingt durch den Wech­sel in der Vor­stand­schaft, , die Erfor­schung der 2005 ent­deck­ten Anlage Doblberg zusam­men mit dem Lan­des­amt für Denk­mal­schutz und dem erst­ma­li­gen Ein­satz von Geora­dar, der vier­sei­tige Bericht im Nach­rich­ten­ma­ga­zin Spie­gel (Aus­gabe 18. Juli 2011) sowie ein Aus­blick auf das Jahr 2012 run­dete sei­nen Bei­trag ab. Apro­pos 2012: die nächste Jah­res­ta­gung des Arbeits­krei­ses für Erd­stall­for­schung fin­det vom 21. bis zum 23. Sep­tem­ber 2012 in Klos­ter Strahl­feld bei Roding statt, zudem wan­dert die Aus­stel­lung des Arbeits­krei­ses von Pas­sau wei­ter nach Kelheim.

Kurz bevor die meis­ten Augen­li­der schwer und schwe­rer wur­den, gab Josef Wei­chen­ber­ger einen Zwi­schen­be­richt der ober­ös­ter­rei­chi­schen Erd­stall­for­schung. Er wür­digte die Arbeit sei­nes lang­jäh­ri­gen Erd­stall­zeich­ners Eber­hard Fritsch, ging kurz auf die Aus­stel­lung „Hexen.Zauber – Die drei Far­ben Magie, Zau­ber und Geheim­nis“ im Urge­schich­tem­u­seum Nie­der­ös­ter­reich ein und stellte noch die Ergeb­nisse diver­ser Gra­bungs­ar­bei­ten (z. B. Schar­den­berg oder Hard/Thaya) vor.

Der dritte und letzte Tag wurde wie­der um 8.30 Uhr von den Stifts­glo­cken Vorau ein­ge­läu­tet. Dies­mal muss­ten die Teil­neh­mer der Exkur­sion mit ihren Privat-PKW’s vor­lieb neh­men. In drei Kon­voi­grup­pen wur­den drei unter­ir­di­sche Anla­gen im Raum Hart­berg ange­fah­ren. Beson­dere Begeis­te­rung löste die Frau­en­höhle bei Hin­ter­büchl Gemeinde Kain­dorf aus, auch wenn die vie­len Inschrif­ten an den Wän­den doch nach­denk­lich mach­ten. Jeden­falls wusste diese Anlage durch ihre drei Rund­gänge zu begeis­tern. Dazu noch Löcher wie in einem Fuchs­bau. Es gäbe hier noch viel zu tun. Die Anlage liegt in einem klei­nen Wäld­chen auf einem unauf­fäl­li­gen Hügel am Rande eins alten Fahr­wegs. Was die bei­den ande­ren Frag­mente der Frau­en­höhle in St. Ste­fan Gemeinde Hof­kir­chen und bei Vocken­berg in Stu­ben­berg nicht schmä­lern soll. Beson­ders beein­dru­ckend bei St. Ste­fan ist die goti­sche Kir­che aus dem 15. Jahr­hun­dert mit Wand­ma­le­reien aus der Mitte des 16. Jahr­hun­dert. Hein­rich Kusch hat bereits die Erlaub­nis für Gra­bungs­ar­bei­ten. Der Erd­stall Vocken­berg nahe Stu­ben­berg am See zählt der­zeit neben den Frau­en­höh­len (Frauen und Kin­der haben sich wäh­rend eines Krie­ges in die­sel­ben geflüch­tet) bei Kain­dorf zu den inter­es­san­tes­ten Erd­stall­pro­jek­ten der Stei­er­mark. Die Gänge des Erd­stalls bei Vocken­berg wur­den nicht aus den Sedi­men­ten gegra­ben son­dern aus dem anste­hen­den Schie­fer­gneis her­aus gehauen. Für den Autor die­ses Berichts bil­dete ein ca. 90 Meter lan­ger Stol­len, der sog. Streb­lgang den Abschluss. Ein von Men­schen­hand geschaf­fe­ner Was­ser­gang…? Man­ches deu­tet dar­auf hin.

Die Jah­res­ta­gung fand bei einem gemein­sa­men Essen im Gast­hof Stei­rer­rast in Kain­dorf bei Hart­berg ihr Ende. Nach herz­li­cher Ver­ab­schie­dung ver­lo­ren sich die Mit­glie­der in alle Him­mels­rich­tun­gen. Nicht, ohne das Ver­spre­chen abzu­ge­ben, 2012 wie­der mit von der Par­tie zu sein. Schau‘ mer mal, was dann aus den in die Erde gesetz­ten Rät­seln gewor­den ist.