Erdställe – rätselhafte unterirdische Anlagen

Künst­li­che Höhlen

Erd­ställe sind künst­lich ange­legte unter­ir­di­sche Gang­sys­teme. Laby­rin­thisch durch­zie­hen sie Kirch­berge, Fried­höfe und den Unter­grund alter Sied­lungs­plätze. Die Bezeich­nung Erd­stall steht für eine “Stelle” in der Erde, ähnlich wie das Wort Burg­stall, das auf den ehe­ma­li­gen Stand­ort einer Befes­ti­gungs­an­lage hinweist.

Foto: Peter Forster

Zur Bau­weise der Erdställe

Obwohl kein Erd­stall völ­lig dem ande­ren gleicht, fol­gen alle Anla­gen einem Grund­kon­zept, in dem gleich­ar­tige Bau­ele­mente vari­an­ten­reich ange­ord­net sind. Erd­ställe beste­hen aus nied­ri­gen Gän­gen und Kam­mern, die durch äußerst enge runde Schlupf­lö­cher hori­zon­tal oder ver­ti­kal mit­ein­an­der ver­bun­den sein kön­nen. Hinzu kom­men Stu­fen­pas­sa­gen, Rund­gänge und Wand­ni­schen ver­schie­dens­ter Form und Größe. Je nach Beschaf­fen­heit des Unter­grun­des wei­sen die Gang­pro­file einen Spitz– oder Rund­bo­gen auf und fol­gen damit alten Berg­bau­re­geln. Cha­rak­te­ris­tisch ist der laby­rin­thar­tige schein­bar irra­tio­nale Auf­bau der Anla­gen. Beson­ders sorg­fäl­tig aus­ge­stal­tete Schluss­kam­mern über­ra­schen durch ihre ein­drucks­volle Archi­tek­tur und bie­ten manch­mal ein aus­ge­spro­chen sakra­les Bild.

Zweck­bau­ten oder Kultstätten

Das Geheim­nis der Erd­ställe konnte bis­her nicht gelüf­tet wer­den. Die extreme räum­li­che Enge von Gän­gen und Kam­mern, der Ein­bau von Schlupf­lö­chern mit weni­ger als 40 cm Durch­mes­ser und die irra­tio­nale Bau­weise schlie­ßen eine prak­ti­sche Nut­zung als Vor­rats­räume, Was­ser­stol­len, Berg­werke oder Wohn­höh­len aus. Hin­zu­kom­men­der Sau­er­stoff­man­gel, der laby­rin­thi­sche Auf­bau und perio­disch wie­der­keh­rende Über­flu­tung vie­ler Anla­gen las­sen sich nur schwer mit einer Inter­pre­ta­tion der Erd­ställe als Zufluchts­stät­ten ver­ein­ba­ren. Eine im wei­tes­ten Sinne kul­ti­sche Bedeu­tung der Erd­ställe scheint der­zeit am wahr­schein­lichs­ten. Unter­su­chun­gen zu Namens­kunde, Sagen, Sied­lungs– und Reli­gi­ons­ge­schichte legen Par­al­le­len zu Ahnen­kul­ten und früh­christ­li­chen Jen­seits­vor­stel­lun­gen offen. Im Gegen­satz zu unter­ir­di­schen Grab­an­la­gen ver­schie­dens­ter Zeit­stel­lun­gen ent­hal­ten Erd­ställe weder Toten­ge­beine noch Grabbeigaben.

                                   Foto: Peter Forster

For­schungs­per­spek­tive

Beson­dere Prio­ri­tät besitzt der­zeit die Suche nach Mög­lich­kei­ten zur Datie­rung wei­te­rer Erd­stall­an­la­gen. Nur so kön­nen Bau– und Nut­zungs­zeit der Erd­ställe auf eine all­ge­meine und über­re­gio­nale Basis gestellt wer­den. Es bleibt die Hoff­nung, dass eine ver­läss­li­che Datie­rung des Erd­stallphä­no­mens eines Tages hilft, auch das Rät­sel ihrer Zweck­be­stim­mung zu lösen. Bis dahin ist jeder Hin­weis auf einen noch nicht bekann­ten Erd­stall oder die Unter­stüt­zung bei der Unter­su­chung und Doku­men­ta­tion von Erd­stäl­len eine wert­volle Hilfe, die­ses Ziel zu erreichen.

Infor­ma­tio­nen im Überblick

  • Ver­brei­tungs­ge­biet: u.a. Süd­deutsch­land, Öster­reich, Polen, Ungarn, Tsche­chien, Frank­reich, Spa­nien; alleine in Bay­ern sind über 700 Erd­stall­an­la­gen bekannt.
  • Lage: Bäu­er­li­che Sied­lun­gen, unter Kir­chen, Fried­hö­fen und Hausbergen.
  • Fund­um­stände: Erd­ställe wer­den meist bei Bau­ar­bei­ten an alten Wohn­häu­sern, Stal­lun­gen, beim Stra­ßen– und Kanal­bau und durch Ein­bruch von Fahr­zeu­gen und Vieh entdeckt.
  • Zeit­stel­lung: Ver­mut­lich Mit­tel­al­ter­lich (ca. 10.-12. Jahrhundert).
  • Namen in Sage und Volks­mund: Schra­zel­loch, Zwer­gen­loch, Erd­weiblschlupf, Alraun­höhle, Hol­ler­loch, Geis­ter­höhle, Frau­en­loch, Jung­frau­en­höhle, etc…

Der Arbeits­kreis für Erdstallforschung

Der Arbeits­kreis für Erd­stall­for­schung wid­met sich der Siche­rung, Doku­men­ta­tion und Erfor­schung von Erd­stall­an­la­gen. Er steht im stän­di­gen Aus­tausch mit diver­sen Schwes­ter­ge­sell­schaf­ten im euro­päi­schen Aus­land. Berichte zur For­schungs­tä­tig­keit des Arbeits­krei­ses wer­den jähr­lich in der Zeit­schrift “DER ERDSTALL” ver­öf­fent­licht. Die Hefte kön­nen über den Arbeits­kreis bezo­gen werden.