Tagung 2012

Vom 21.-23. September 2012 im Kloster Strahlfeld bei Roding.

Andi Mittermüller

Die internationale Erdstalltagung 2012 fand in diesem Jahr nach zweijähriger Abstinenz wieder im Kloster Strahlfeld statt. Mehr als 50 Forscher aus Deutschland und Österreich kamen zu der alljährlichen Mitgliederversammlung des Arbeitskreises sowie der anschließenden Tagung mit Vorträgen, Diskussion und Exkursionen zusammen. In diesem Jahr stand zudem die Neuwahl der Vorstandschaft an.
Der 1. Vorsitzende Dieter Ahlborn eröffnete am Freitag Abend die Mitgliederversammlung mit dem Tätigkeitsbericht der Vorstandschaft.
Hans Horn, der die vergangenen drei Jahre die Kasse geführt hatte und dieses Amt nun abgeben wollte, stellte in seinem Bericht detailliert die finanzielle Situation des Arbeitskreises vor und wurde von den beiden Kassenprüfern für seine akribische Arbeit mit Lob bedacht. Zudem erhielt er vom Vorsitzenden als Würdigung seiner Leistungen den silbernen Zwerg am Band, eine Auszeichnung, die seit zwei Jahren für besondere Verdienste im Arbeitskreis verliehen wird.
Die anschließende Entlastung der Vorstandschaft war Formsache und machte den Weg frei für die diesjährigen Neuwahlen.
Allerdings musste die Mitgliederversammlung zuvor noch über einige Anträge auf Satzungsänderung abstimmen, die von den beiden Vorsitzenden Dieter Ahlborn und Andreas Mittermüller eingebracht wurden und zum Teil sehr leidenschaftlich diskutiert wurden. Wesentliche Änderungen sind demzufolge die Erhöhung des Mitgliedsbeitrages von 15,- € auf 25,- €, wobei der Versand des Jahresheftes darin bereits enthalten sein wird.
Außerdem werden in Zukunft keine Beiräte mehr vom Gremium gewählt, stattdessen kann die Vorstandschaft diese und zusätzlich sogenannte Regionale Ansprechpartner zur Verstärkung des Teams berufen. Den entscheidenden Vorteil sehen die Antragsteller in der besseren und verantwortungsvollen Verteilung der Aufgaben, da das stetig wachsende Verbreitungsgebiet der Erdställe von einer „Zentrale“ aus nur unzureichend betreut werden kann.
Bei der anschließenden Wahl wurden der bisherige 1. Vorsitzende Dieter Ahlborn sowie der 2. Vorsitzende Andreas Mittermüller in ihrem Amt bestätigt. Die Kasse übernimmt Werner Breuherr von seinem Vorgänger Hans Horn. Alter und zugleich neuer Schriftführer ist Günter Mairhörmann.

Am Samstag Vormittag standen Vorträge auf dem Programm.
Dr. Martin Krenn vom Bundesamt für Denkmalpflege in Wien, Österreich, referierte über archäologisch untersuchte Erdställe aus Niederösterreich und deren Bezug zu den mittelalterlichen Siedlungen sowie die mögliche zeitliche Einordnung.
In mehreren Beispielen zeigte Dr. Krenn auf, dass es keine Befunde von Erdstallanlagen vor der Zeit um 1100 n. Chr. gibt, jedoch zahlreiche Datierungen von Keramik und anhand des Fundkontextes in die Zeit des 12. -14. Jhd. n.Chr. weisen. Über seine Anregung, die Erdställe als multifunktionales Bauwerk, beispielsweise Meditationsraum und Lagerstätte für bestimmte Obstsorten, zu verstehen, darf weiterhin diskutiert werden.

Josef Weichenberger aus Linz fasste in seinem Vortrag die bisherigen Datierungen von Erdstallanlagen aus Bayern und Österreich zusammen und plädierte für eine Entstehungs-, bzw. Nutzungszeit dieser rätselhaften Bauten zwischen dem 11. und 14. Jahrhundert.
Problematisch sah Weichenberger die Datierung von Holzkohle aus Kienspänen, die ein um bis zu 200 Jahre höheres Alter der Anlagen vorgeben können, je nach dem, aus welchem Holz und Stammbereich der Span gefertigt wurde. Die Datierung von Fundholz aus den besonders in der Oberpfalz verbreiteten Bauhilfsschächten sah er als zuverlässige Möglichkeit der zeitlichen Zuordnung eines Erdstalles an.
Am Nachmittag ging die Fahrt mit dem Bus nach Kelheim, wo im dortigen archäologischen Museum noch bis November die Ausstellung „Erdställe-rätselhafte unterirdische Anlagen“ zu sehen ist. Empfangen wurden die Forscher vom freundlichen Museumspersonal mit Kaffee und Gebäck, und nach einer kurzen Stärkung erfolgte auf Grund der hohen Anzahl der Teilnehmer eine Aufteilung in zwei Gruppen.
Während die eine Gruppe eine gestraffte, aber äußerst interessante Führung durch Stadt- und Siedlungsgeschichte von Herrn Dr. Sorcan erhielt, konnte die andere Gruppe in der Sonderausstellung beim Durchkriechen des Erdstall-Nachbaus einen Vorgeschmack erhalten, was sie nach der Weiterfahrt nach Mitterschneidhart erwartete.

Der dortige Erdstall wurde 1991 beim Bau einer Güllegrube entdeckt, archäologisch untersucht und für die Nachwelt erhalten. In kleinen Gruppen stiegen die Forscher mehrere Meter in die dunklen Tiefen hinab, wo sie mit einem faszinierenden Labyrinth aus Gängen, Schlupfen und Nischen belohnt wurden. Einige Wenige nahmen sogar ein Bad im braunen Wasser in Kauf, um den schwer passierbaren Schlupf im Zentrum der Anlage zu überwinden. Dahinter wartete ein weitgehend unberührter Gangabschnitt mit einer Besonderheit dieser Anlage: ein weiterer Mahlstein (der erste konnte bereits im Museum besichtigt werden), der, vor einer Nische an der Wand gelehnt, aufgrund der Bau- und Erhaltungssituation des Erdstalles wohl für immer in diesem Gang verbleiben muss.
Nach der Rückkehr ins Kloster konnten beim Abendessen, das wie alle Mahlzeiten in gewohnter Weise von den Schwestern liebevoll und köstlich serviert wurde, die gewonnenen Eindrücke in angeregten Gesprächen vertieft werden, ehe ein weiterer Programmpunkt die Forscher in den Tagungsraum rief.

Die kontroversen Ergebnisse der Datierungsversuche der letzten Jahre, zugespitzt auf einen immer wieder kehrenden Schlagabtausch der Kollegen Josef Weichenberger und Heinrich Kusch, veranlassten die Organisatoren, sich im Rahmen einer Podiumsdiskussion mit dem Thema auseinanderzusetzen, da das straffe Exkursionsprogramm der letzten Tagungen keine Zeit für einen offenen Meinungsaustausch bot.
Leider fand diesmal weder das Ehepaar Kusch den Weg nach Strahlfeld, noch erklärte sich jemand anderes bereit, über deren Forschungsstand zu berichten, so dass man sich am Schluss fast schon zu einig war, dass die Erdställe wohl als „mittelalterlich“ zu bezeichnen sind, wobei über das ein oder andere Jahrhundert früher oder später sicher noch gestritten werden darf.
Wie schon am Abend zuvor konnten die Gespräche je nach Kondition und Gewohnheit im Klosterstüberl bis spät in die Nacht fortgeführt werden.

Am Sonntag wurden die Erdställe von Franz Lindenmayr aus München als „Räume der Leere, der Dunkelheit und Stille“ zu deuten versucht, Vergleiche mit Gewohnheiten buddhistischer Mönche ließen die Möglichkeit offen, dass auch die Erdställe als Ort des Seins zu sehen sein könnten, und nicht vorrangig einem profanen Zweck gedient haben müssen.
Einige Berichte über Aktivitäten des vergangenen Jahres in Österreich und Niederbayern folgten im Anschluss, bevor Nikolaus Arndt aus Aidenbach bei Passau sehr anschaulich die „Technischen Hilfen bei der Erfassung von Bodendenkmälern“ vorstellte.
Vom altherkömmlichen Maßband bis zur modernsten Laserscanner-Datei lässt Arndt nichts unversucht, den bisher noch unentdeckten Erdställen auf die Spur zu kommen, zahlreiche vielversprechenden Objekte stehen bereits auf der Liste der dringend zu erledigenden Arbeiten des nächsten Jahres, vielleicht auch mal wieder als grenzübergreifendes deutsch/österreichisches Gemeinschaftsprojekt.
Nach der offiziellen Verabschiedung durch den Vorsitzenden und Tagungsleiter Dieter Ahlborn konnte das kurzweilige und gelungene Wochenende mit einem letzten Mittagessen abgerundet werden, die vielen guten Wünsche und herzlichen Trennungen lassen auf ein Wiedersehen im nächsten Jahr hoffen, ein weiteres Mal im Kloster Strahlfeld bei Roding.