Tagung 2014

Zu Gast bei Freunden in Oberösterreich Erdstalltagung vom 10. bis 12. Oktober 2014 im Schloss Zell an der Pram

Monika Löffelmann

Der Einladung von unserem österreichischen Erdstallurgestein Josef Weichenberger sind zu ungewohntem Termin im Oktober über 60 Erdstallforscher aus dem deutschsprachigen Raum gefolgt. Wie nicht anders zu erwarten war, waren alle begeistert von der komfortablen Unterkunft, der guten Küche und natürlich der exakten Organisation und peniblen Vorbereitung des Gastgebers, bestens unterstützt von seinem Sohn Jakob, der sehr zur Freude der alten „Erdstallhasen“ Interesse zeigt für das Forschungsgebiet des Vaters. Gerade auf digitalem Gebiet scheint er ein neues Erdstallzeitalter in Oberösterreich einzuläuten.

Da es so viel zu sehen gibt und soviel Neuigkeiten zur Erdstallforschung zu verkünden waren, begann das Tagungsprogramm schon am Freitagnachmittag – sehr zur Freude derer, die schon früher zuhause abkömmlich waren und entsprechend früh anreisen konnten. Das Gros der Teilnehmer freilich musste auf die interessanten Vorträge von Johannes Mahne-Biederer: „Vorstellung der Arbeitsgruppe Erdstallforschung am Institut für Geographie der Universität Augsburg“, von Selina Thanheiser und Maximilian Schreiegg: „Die Erdställe von Kissing: Geschichte, heutige Situation und 3D-Vermessung“, von Gerhard Schwentner: „Erdställe im Kontext der mittelalterlichen Besiedlung im Bezirk Schärding, Innviertel“ verzichten.

Zum ersten Abendessen im Bildungshaus Schloss Zell an der Pram waren dann die meisten Teilnehmer aus allen Himmelsrichtungen eingetrudelt und hatten ihre Zimmer bezogen; neue Gesichter wurden mit Interesse beäugt, alte Bekannte mit Freude begrüßt und leider auch so mancher alte Erdstallfreund vermisst. In vielen Gesprächen und beim Austausch so mancher Erinnerungen freilich waren sie dennoch in der Runde dabei, allen voran Edith Bednarik und Dorothée Kleinmann.

Die Tagesordnung für den ersten Abend stürzte dann so manchen Erdstallforscher in einen Gewissenskonflikt: Parallel zueinander fanden schließlich zunächst die Vorstandssitzung mit anschließender Mitgliederversammlung und drei interessante Vorträge statt. Die außerordentliche Mitgliederversammlung war notwendig geworden, um nach dem Rücktritt des Vorsitzenden Dieter Ahlborn wieder Klarschiff zu machen, die Mitglieder darüber zu informieren, was sich geändert und ereignet hat, und um gemeinsam darüber zu beraten, wie und wann eine neue Führungscrew gewählt werden soll. Dankenswerterweise fand sich doch eine große Mitgliederzahl dazu zusammen, auch wenn ihnen dadurch die Vorträge von Erhard Fritsch: „Beispiele aus der Erdstallforschung und der vergleichenden Forschung“, von Josef Weichenberger: „Sind wir in der Erdstallforschung ein Stück weitergekommen?!“ und von Michael Läntzsch: „Erdställe – welche Deutungen sind nicht sinnvoll, welche möglich?“ entgingen. Aber bei einem (oder mehreren) Gläschen guten österreichischen Weines konnten sich die Teilnehmer der verschiedenen Alternativveranstaltungen ja anschließend noch austauschen und sich gegenseitig die wichtigsten Erkenntnisse mitteilen und diskutieren.

Der Samstag als traditioneller Exkursionstag bei der Tagung begann mit einem leckeren reichhaltigen Frühstück und in der Gewissheit, dass der Bus die Erdstallforscher zu interessanten Objekten in der Umgebung bringen wird. Minutiös geplant lief auch alles wie am Schnürchen ab; niemand wagte es, durch Unpünktlichkeit die Planungen durcheinander zu bringen. Die erste Station war der Erdstall „Zwink“ in Aspach, die Erdstallforscher konnten hier direkt auf den Spuren von Erdstallpionier Pater Lambert Karner wandeln, der bereits die Anlage unter dem Brauhaus nahe der Kirche erwähnt hatte.

Vom Keller des Wirtshauses aus ging es in 5er-Gruppen per Leiter (ungewöhnlicher- weise) hinauf zum Einstieg in ein Loch in der Kellerwand. Wer den nicht ganz komfortablen Einstieg passiert hatte, konnte selbst sehen, ob Karner mit seiner Beschreibung eines „Ganges im Spitzbogen um eine Säule herum“ recht hatte. Eine Überraschung aber wartete nach dem Ausstieg, wo Tagungsleiter Josef Weichenberger selbst, für so manchen unerwartet, Erdställe mit Rundgängen in Kultnähe rückte. Den auf der Leiter Absteigenden wurde die Gewissenfrage gestellt: Dieser Erdstall- ein Kult- oder ein Zweckbau? Eine Strichliste mit Antworten zu erstellen wäre durchaus interessant gewesen! Nicht nur das Gewissen aber wurde einer Überprüfung unterzogen, weit penibler zu reinigen war das Äußere: eine Runde Abbürsten war vor dem Wiedereinstieg in den Bus unerlässlich, und der unermüdliche Organisator scheute keine Mühen, hier selbst mit Hand anzulegen; schließlich stand den Erdstallfreunden ein nigelnagelneuer Bus zur Verfügung. Die Wartezeit, bis alle durch die Anlage geschleust waren, wurde auf das angenehmste versüßt, da der Gasthof mit selbst gebackenem Kuchen locket.

Bei der Weiterfahrt nach Münzkirchen durch die schöne oberösterreichische Landschaft hätte man sich ein bisschen mehr Sonne gewünscht. Diese aber blitzte nur selten durch das Nebelgrau des Oktobertages. Hätte Josef Weichenberger auch nur annähernd die Möglichkeit gehabt, dieses zu planen, hätte sicher Goldenes Oktoberwetter geherrscht. Bestens geplant und generalstabsmäßig vorbereitet war so auch die Mittagspause in Münzkirchen. Während die einen im Wirtshaus Wösner speisten (je nach Wahl des Gerichtes gehörte man der frühen oder der späteren Essensgruppe an), kletterten die anderen in den Erdstall unter dem Gasthaus. Die Wirtsfamilie ist sehr stolz auf ihre unterirdische Anlage und führt für Gäste selbst Führungen und Befahrungen durch. Dieses interessante Objekt weist immerhin eine Länge von über 25 Metern, einen Niveauunterschied von 2,7 Metern, eine ungewöhnlich hohe Schlupfröhre und acht Sitznischen auf. Wer den Erdstall noch einmal virtuell befahren will, kann dies unter www.woesner.at versuchen.

Nur kurz war die Fahrt nach dem Mittagessen zum nächsten Erdstall, ebenfalls in Münzkirchen beim „Bauer in Hof“. Auch den Erdställen in Münzkirchen hatte Lambert Karner ein ausführliches Kapitel gewidmet. Als einen „der merkwürdigsten, die ich gesehen habe“ beschreibt Karner den Erdstall beim „Bauer in Hof“. Der Einstig erfolgte vom Hof aus durch einen Kanaldeckel; Eisentritte führten ca. zwei Meter in die Tiefe. Im Erdstall selbst ging’s dann noch mal durch Schlupfe runter, wieder rauf und wieder runter, so dass auf einer Länge von weniger als 15 Meter über vier Meter Höhenunterschied überwunden werden. Die letzte Kammer und somit auch eine mögliche Fortsetzung sind verschlämmt.

Als letztes Objekt der Exkursion wartete der Erdstall Breidt zu Neudorf der Familie Schano in Schardenberg auf die Erdstallforscher. Er wurde bei Baggerarbeiten entdeckt und dankenswerterweise von den Besitzern gemeldet. Da sie sich nicht nur mit der Dokumentation sondern auch mit der Erhaltung einverstanden erklärten, kann er nun von Erdstallforschern befahren werden. Das ist besonders erfreulich, da der Erdstall einen sehr ungewöhnlichen und an eine „Acht“ erinnernden Grundriss aufweist.

Die Wartezeit, bis man selbst an der Reihe war, bzw. bis alle Exkursionsteilnehmer durchgeschlieft waren, nutzten die einen für Spaziergänge in der ländlichen Umgebung, die anderen lasen mit Interesse die umfangreichen Unterlagen, die Josef Weichenberger zu jedem der vier Erdstallobjekte zusammengestellt und an alle ausgehändigt hatte.

Nach der Rückkehr im Schloss am Abend wartete schon das leckere Abendessen auf die Gruppe, für die damit aber der Tag noch nicht zu Ende war. Abends stand noch die Reflexion der Exkursion und Berichte über die Erdstallforschung in verschiedenen Gegenden Deutschlands an. Den Anfang machte Nikolaus Arndt, der über Vermessung, Laserscanning und 3D-Druck des Erdstalls Altnussberg berichtete. Die faszinierenden Ergebnisse hatte er noch mit netten Episoden angereichert, so dass seine Zuhörer nicht nur über die viel versprechenden Pläne und das Plastikmodell staunen, sondern auch über die Katze, die sich über seine Brotzeit hergemacht hatte, lachen konnten.

Bevor auch Alfred Baierl über die aktuelle Erdstallforschung im Bayerischen Wald und Peter Forster aus Oberbayern Sachstandsberichte gaben, berichtete die amtierende Vorsitzende Birgit Symader von einem sehr arbeitsreichen Sommer. Neben all den Arbeiten, die der Wechsel in der Vorstandschaft mit sich brachte, war sie insbesondere mit der Grabung in Grasfilzing (Lkr. Cham) befasst. Hier war ein Erdstallgang unmittelbar neben einer Gemeindestraße im Garten eines Anwesens eingebrochen. Der Erdstall konnte ausgegraben und in einer Gemeinschaftsleistung von Eigentümern, Landkreis und Helfern aus dem AK gesichert werden. Bei der nächsten Tagung wird er wohl besichtigt werden können. Als nächstes großes Projekt steht in Zusammenarbeit mit der Marktgemeinde Neukirchen-Balbini (Lkr. Schwandorf) die Grabung und Sicherung eines Erdstalls im Keller eines historischen Hauses an, das künftig u.a. als Ortsmuseum dienen soll. Der Arbeitskreis bekommt hier Räume für eine Dauerausstellung unter Einbindung des Erdstalls im Keller sowie für das Archiv. Mit der Vorfreude auf dieses einmalige Projekt, über dessen Fortschritte man sich wohl auch bei der Tagung im Herbst 15 ein Bild wird machen können, klang der Samstag aus.

Am Sonntag standen noch einige interessante Vorträge an, nachdem alle wieder ein reichhaltiges Frühstück genossen und die Zimmer bereits für die nächste Tagung geräumt hatten. Im beeindruckenden Schlosssaal referierte zunächst Josef Weichenberger zum Thema „Der Erdstall als (irrationaler) Zweckbau!?“ Mit gewohnt hohem – auch körperlichem – Einsatz versuchte er, die Zuhörer von seiner Überzeugung, bzw. seinen Erkenntnissen nach jahrzehntelanger Forschung zu überzeugen. Demnach liegt eine Hochzeit des Erdstallbaus im 12./13. Jahrhundert – eine Zeit, die von starker Bevölkerungszunahme und der Entstehung von Einzelhöfen geprägt war. Ab 1400, als sich die Lebensumstände deutlich verschlechterten, entstehen auch keine neuen Erdställe mehr. Lohnenswert wäre es, die Erdställe systematisch in Zusammenhang mit der Besiedlung und der Geologie sowie mit der Geschichte und Volkskunde zu untersuchen.

Dr. Walter Kick gab sodann eine Einführung in das Erdstallarchiv, analog und digital. Gedanken werde man sich darüber machen müssen, welche Inhalte welchen Nutzern offen stehen sollen. Laut Ehrenvorsitzender Regine Glatthaar müsse hier ein Unterschied gemacht werden zwischen bereits veröffentlichten Erkenntnissen und selbst zusammengetragenen Forschungsinhalten.

Jakob Weichenberger gab schließlich einen Einblick in die „Systematische EDV-Erfassung von Erdställen in Oberösterreich und Visualisierung in GIS-Systemen“. Diese Bemühungen können auch dazu dienen, die Erdställe statistisch auswertbar zu machen. Gedanken müsse man sich über mögliche Nutzungsbeschränkungen sowie über einheitliche Richtlinien bei der Erfassung machen. Für diese Pionierleistungen im digitalen Zeitalter wie auch für seine tatkräftige Unterstützung des Vaters und fotographische Begleitung der Tagung erhielt Weichenberger jun. einen besonders herzlichen Applaus der Tagungsteilnehmer.

Als letzten Tagesordnungspunkt der Tagung referierte Uwe Hinzpeter über „Gänge in Burgen: Das Phänomen der Brunnenstollen“. Da er leider in einer erdstallfreien Zone lebe, müsse er sich eben mit der Erforschung anderer unterirdischer Bauten zufrieden geben, scherzte er. Zumindest aber muss er sich so keinen Diskussionen über Sinn und Zweck der unterirdischen Anlagen stellen.

Nach einem stärkenden Mittagessen machten sich alle Tagungsteilnehmer wieder auf ihren ganz unterschiedlich langen Heimweg, nicht ohne sich vorher bereits den Termin für die nächste Tagung notiert zu haben: Ein Wiedersehen gibt es vom 25. bis 27. 9. 2015 im Kloster Strahlfeld bei Roding im Landkreis Cham.