Tagung 2015

Back to the roots: Erdstallforscher in Roding 
Erdstalltagung vom 25. bis 27. September 2015 im Kloster Strahlfeld bei Roding

Monika Löffelmann

Ein stürmisches Jahr lag hinter dem Arbeitskreis Erdstallforschung und seiner amtierenden Vorstandschaft, als man sich in der alt vertrauten Umgebung des Klosters Strahlfeld zusammenfand, um dem alten Forscherschiff in neuen Vereinsgewässern günstige Winde mit auf die weitere Fahrt zu geben. Rund 40 Tagungsteilnehmer aus Deutschland, Österreich und erstmals auch der Schweiz, darunter 32 AK-Mitglieder gaben einstimmig ihrem Arbeitskreis eine neue Richtung. Mit einer neuen Satzung wurde zum einen Vereinssitz in Neukirchen-Balbini festgeschrieben, zum anderen will sich der AK als gemeinnütziger Verein eintragen lassen. In diese neue Etappe wird das vier Jahrzehnte alte Forscherteam von Birgit Symader aus Schwandorf als erste Vorsitzende geführt. Aber alles der Reihe nach.

Die amtierende Vorstandschaft einschließlich der ernannten Regionalleiter bereitete am Freitagabend die Mitgliederversammlung vor, während nach und nach die Tagungsteilnehmer aus ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz eintrudelten.

Zur Stärkung gab es dann noch ein – wie immer in Strahlfeld sehr leckeres – Abendessen. Diese Stärkung war angesichts der zähen Diskussionen um Satzungsdetails bis in die Nacht hinein auch nötig. Immerhin mussten gerade die Praktiker unter den Erdstallforschern, die eigentlich so gar nichts mit Vereinsmeierei zu tun haben wollen, Geduld bewahren, um dem Ziel, der Gemeinnützigkeit des Arbeitskreises und seiner Installation als Körperschaft des öffentlichen Rechts, näher zu kommen.

Den Vortragsreigen eröffnete gleich nach dem Abendessen zunächst aber Dr. Christoph Steinmann vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege, dessen Interesse an der Erdstallforschung und Bestreben, mit dem AK gut zusammenzuarbeiten, in seinen Ausführungen deutlich zu erkennen war. Wie er die Zusammenarbeit des BLfD mit dem AK beschrieb, konnte sich eigentlich niemand vorstellen, dass es hier jemals Diskrepanzen gab oder geben könnte. Das stimmt ja durchaus optimistisch; immerhin verfolgen AK und BLfD das große gemeinsame Ziel „Dokumentation und Erhalt der Erdställe“.

Stand beim Vortrag von Dr. Steinmann schon die Bedeutung der Bündelung der Fähigkeiten aller Beteiligten und der Aufruf zu gegenseitiger Wertschätzung und Akzeptanz im Mittelpunkt, hieb unsere Ehrenvorsitzende Regine Glatthaar in dieselbe Kerbe.

Einen Crashkurs in Harmonie sollte sie zum Auftakt der Mitgliederversammlung geben und das, obwohl sie doch eigentlich nicht mehr das Wort am Referentenpult, von wo aus sie so viele Jahrestagungen geleitet hat, ergreifen wollte. Und so rief sie allen den langen gemeinsamen Weg der Erdstallforschung ins Gedächtnis, auf dem es zwar stets unterschiedliche Meinungen gegeben habe, aber nie persönliche Diffamierungen; nie hätten persönliche Befindlichkeiten der gemeinsamen Aufgabe „Erforschung der Erdställe“ im Wege gestanden. Die beiden Grundthesen der kultischen und profanen Nutzung hätten im Laufe der Jahrzehnte ihre Befürworter und Gegner gefunden und beide hätten sich stets mit ihren Mitteln und aus ihren Blickwinkeln heraus um neue Erkenntnisse bemüht. Über verschiedene Thesen und „Überzeugungen kann man diskutieren und streiten, aber man muss dabei immer fair bleiben, muss sich immer in die Augen schauen können.“ Diese Mahnung gab Regine Glatthaar allen Erdstallforschern, ob anwesend oder abwesend, ob nah oder fern, mit auf den Weg. So mancher der alten Erdstallhasen mag da auch bedauert haben, dass Dorothee Kleinmann nicht mehr zu den Tagungen reisen kann. Sie hätte sicher kurzerhand alle Hitzköpfe verbal oder de facto in ein Fass kaltes Wasser getunkt, ihnen auf jeden Fall aber auch den Kopf gewaschen.

Die Tagungsleitung lag erstmals in den Händen der amtierenden Vorsitzenden Birgit Symader, die ihrer Vorrednerin herzlich für die mahnende Standpauke dankte. Erstmals bereicherten die Tagung auch Gäste aus Neukirchen-Balbini, dem neuen Sitz des Arbeitskreises, wo längst die Vorarbeiten für das neue Erdstallforschungszentrum laufen. Unter dem Beifall der AK-Mitglieder wurden Bürgermeister Markus Dauch und Ortsheimatpfleger Karl-Heinz Probst besonders begrüßt.

Mit großem Applaus wurde auch die Ernennung der verdienten Erdstallforscherin Edith Bednarik aus Wiener Neustadt zum Ehrenmitglied quittiert. Zum großen Bedauern vieler langjähriger Weggefährten konnte sie aus gesundheitlichen Gründen nicht an der Tagung teilnehmen.

Rund drei Stunden quälten sich dann die ca. 40 Anwesenden durch die umfangreiche Tagesordnung der Mitgliederversammlung. Am Ende des Tages, sogar deutlich vor Mitternacht, hatte der Arbeitskreis eine neue Vorstandschaft, eine neue Satzung, einen neuen Sitz und war auf dem besten Wege, zu einem e.V. zu werden. Die einstimmig gewählte Vorsitzende Birgit Symader und der ebenfalls einstimmig gewählte Kassier Manfred Schulz plädierten denn auch gleich eindringlich dafür, die bereits mit den Tagungsunterlagen ausgehändigten Beitrittserklärungen mit Einzugsermächtigungen auszufüllen und gleich vor Ort abzugeben.

Die Mühen haben sich also gelohnt, und man konnte den Erfolg anschließend noch bei einem Gläschen Wein oder einem kühlen Pils im „Stüberl“ des Klosters begießen – nicht zu lange allerdings, denn immerhin wartete am Samstag ein volles und interessantes Tagungsprogramm auf die Teilnehmer.

Dr. Helen Wider aus Wettingen in der Schweiz machte die deutschen und österreichischen Erdstallforscher mit den künstlichen Erdhöhlen in der Eidgenossenschaft bekannt – bislang ein weißer Fleck auf der Landkarte der Erdstallforschung. Die Geographin und Geologin mit dem Forschungsschwerpunkt Megalithkultur widmet sich seit einiger Zeit auch den künstlichen Höhlen und Gängen. Sehr interessant für die deutschen und österreichischen Forscher war es, erstmals Bilder und Grundrisse von dortigen Stollen und Gängen zu sehen, die sich doch von hiesigen Erdställen unterscheiden. Eine weitere Zusammenarbeit, wie sie auch mit der französischen Erdstallforschung besteht, wurde gerne vereinbart.

Von der Schweiz ging es nach Österreich, genauer gesagt nach Oberösterreich zu unserem sehr rührigen Erdstallkollegen Josef Weichenberger, der über die archäologische Grabung im Erdstall Sierning in Steyr berichtete. Der schon bei Karner aufgelistete Erdstall erwies sich als Glücksfall, da der Eigentümer selbst die Grabung wünschte. Weichenberger nutzte außerdem die Gelegenheit, das Buch „Unterirdisches Österreich“ vorzustellen, eine Mischung aus Kunst- Sach- und Unterhaltungsbuch, bei dem er die Texte zu den Höhlenfotos beigesteuert hat. Ein Exemplar mit Widmung übergab er dem Arbeitskreis.

Über ein weiteres Grabungs-Erfolgsmodell referierte dann Birgit Symader, die auf das Unternehmen Grasfilzing zurückblickte. Am Nachmittag bei der Exkursion konnten sich alle von dem Ergebnis dieser Aktion in der Gemeinde Arnschwang überzeugen. Wie schon bei der Grabung zeigten sich die Bauhofmitarbeiter wieder sehr hilfsbereit. Bevor die Erdstallforscher anrückten, hatten sie die Grasnarbe über dem Einstiegsschacht, den Betondeckel entfernt und den sonst verschlossenen Erdstall im Garten der Familie Mühlbauer anlässlich der Exkursion geöffnet.

Pünktlich um 11.30 Uhr eilten aber zunächst alle hungrigen Erdstallforscher zum Mittagessen in den Speisesaal des Klosters, ebenfalls pünktlich um 13 Uhr war ja die Abfahrt des Busses in Richtung Arnschwang anvisiert. Die Einhaltung des lang vorher akribisch ausgetüftelten Zeitplans ist stets für die Organisatoren und Tagungsleiter überaus wichtig, um deretwillen sie unterschiedliche aber stets nachdrückliche Strategien an den Tag legen. Mit Eifer und Power legte sich hier auch Birgit Symader bei „ihrer“ ersten Tagung ins Zeug. Sie meisterte die Einhaltung des Zeitplans mit solchem Bravour, dass der Exkursionsbus nicht nur pünktlich, sondern sogar überpünktlich abfuhr, und Schlag 13 Uhr der Bus längst über alle Berge war. Zum Glück waren (fast) alle Tagungsteilnehmer pünktlich. Dass nach der Besichtigung der Kelleranlagen der Familie Feigl  sowie der sehr interessanten Erdställe in Grasfilzing und Arnschwang („Zum Wirt“) der Bus fast ein wenig spät abfuhr, lag an dem interessanten Fahrradmuseum, das mitten in Arnschwang auf der Wirtshöhe entsteht, und wo die Erdstallforscher nicht nur Kaffee und Kuchen, sondern auch noch eine interessante Führung von Hans Hruschka genießen konnten.

Die verschiedenen Tätigkeitsberichte nach dem Abendessen machten deutlich, wie aktiv die Erdstallforscher in den unterschiedlichen Regionen von Oberbayern bis in den bayerischen Wald, von der Steiermark über Wien bis nach Oberösterreich sind. Alle bemühen sich, die Erdställe in ihren Regionen bekannter zu machen, die Sensibilität im Umgang mit ihnen zu erhöhen und das Bewusstsein für ihre Erhaltung zu schärfen.

Den letzten Vortrag des Tages präsentierte  Harald Schaller aus Schwandorf, der sich mit dem archäologischen Nachweis von Hausbauten über Erdställen in der Oberpfalz beschäftigte.

Die Geschichte der Erdstallfotographie beleuchtete sodann Franz Lindenmayr, der selbst seit Jahrzehnten in Erdställen und Höhlen fotographiert, anhand eigener Bilder. Dr. Martin Straßburger, Montanarchäologe aus Aichach stellte einen montanarchäologischen Vergleich zwischen Erdställen und Bergwerken an. Für die Erdstallforscher war dies gerade auch deshalb besonders interessant, da es oft gilt, Erdställe von den zweckgebundenen Gängen und Stollen unter der Erde abzugrenzen.

Uwe Hinzpeter stellte die unterirdische Wasserleitung von Trevi in Umbrien vor, bevor Maria Beenen aus Viechtach im letzten Referat der Tagung über Konstruktionsarten alter Gebäude im Mittelgebirge sprach. Die Tagung klang beim Michaelimarkt in Neukirchen-Balbini aus. Dort konnten die Erdstallforscher nach einem Mittagessen im historischen Stallgebäude das Schießl-Anwesen besichtigen und darin die beiden Räume, die künftig das Erdstallmuseum und das Erdstallarchiv beherbergen sollen, erstmals sehen. Auf besonderes Interesse stieß natürlich der Erdstall unter dem Gebäude, der die Besonderheit des neuen Forschungszentrums des Arbeitskreises darstellt und künftig ebenfalls der Öffentlichkeit teilweise zugänglich sein soll, bzw. medial erfahrbar gemacht werden soll.

Birgit Symader und Ortsheimatpfleger Karl-Heinz Probst informierten die Erstallforscher rund um die anstehende Grabung im Erdstall bzw. zur Geschichte des Schießl-Anwesens und des Ortes. Viele interessierte Neukirchener, die bei kühlem aber sonnigem Wetter zum Michaelimarkt in der Dorfmitte zusammengekommen waren, gesellten sich zu den Erdstallforschern, um das Anwesen mit dem Erdstall zu besichtigen. Immerhin entsteht hier ja ihr neues kulturelles Zentrum.

Die Erdstallforscher aus nah und fern aber machten sich langsam auf ihre teils stundenlange Heimfahrt, nicht ohne festzulegen, dass es 2016 erneut in Strahlfeld am letzten Septemberwochenende ein Wiedersehen geben wird.