DER ERDSTALL 51 (2025) – Zusammenfassungen


Felix Biermann, Normen Posselt, Robert Prust

Der mittelalterliche Erdstall von Helfta im Mansfelder Land und vergleichbare unterirdische Anlagen Mitteldeutschlands

Bei Ausgrabungen in einem mittelalterlichen Burg- und Siedlungszentrum bei Helfta, Ortsteil von Lutherstadt Eisleben, Lkr. Mansfeld-Südharz, Sachsen-Anhalt, wurde im Jahr 2022 ein Erdstall erfasst, der in das 13. oder in die erste Hälfte des 14. Jahrhunderts datiert werden kann. Die in den anstehenden Löss gegrabene Anlage wurde erst teilweise freigelegt. Sie ergänzt aber die mitteldeutsche Erdstall-Region um ein instruktives Beispiel.
Der vorliegende Aufsatz stellt zunächst den Helftaer Erdstall und sein Fundmaterial vor. Dann werden die vergleichbaren Anlagen in Mitteldeutschland bzw. im Raum um den Harz hinsichtlich ihrer Gestalt, ihrer Datierung und den Deutungen besprochen, die sie im Laufe der bis auf das 18. Jahrhundert zurückgehenden Forschungsgeschichte erfahren haben. Schließlich gilt der umstrittenen Frage um die Funktion der Erdställe die Aufmerksamkeit. In Helfta wie auch bei den anderen mitteldeutschen Anlagen weist nichts auf eine kultisch-religiöse Nutzung hin. Vielmehr spricht alles dafür, dass es sich um in Gefahrensituationen aufgesuchte Zufluchtsorte handelte.


Otto Cichocki

Erdstallforschung in Niederösterreich 2024/25

Die Fortsetzung der Grabung Eggenburg legte eine 90°-Biegung des zur Stadtmauer laufenden Ganges frei; damit wurde die Miniergang-Hypothese unwahrscheinlich.
In Dürnkrut rekonstruierten wir den Erdstallrest. Der Besitzer hatte hier wie auch in Fistritz in beispielhafter Weise einen permanenten Zugang geschaffen, um eine weitere Erforschung zu ermöglichen.
In Fistritz wurde sowohl eine photogrammetrische 3D-Rekonstruktion als auch ein Laserscan des Erdstalls angefertigt.


Ralf Keller

Drei Erdställe neu betrachtet: Hundsruck, Zinkenried und Kleinwiesen.
Ergebnisse der Tagungsexkursion 2024 in Niederbayern

Bei der Jahrestagung des Arbeitskreises für Erdstallforschung 2024 wurden drei unterirdische Anlagen besucht. Der Artikel fasst die neuen Erkenntnisse und Fragestellungen zusammen, die sich unter den Erdstallforschern bei der Untersuchung vor Ort und bei den Nachbesprechungen ergeben haben. Die dabei durchgeführten 3D-Vermessungen ermöglichen eine detailliertere Dokumentation und einen Vergleich mit den bisher vorhandenen Planaufnahmen.


Heike Gems-Müller

Erdställe in Schriftquellen des Hochmittelalters

Da aussagekräftige archäologische Befunde und schriftliche Quellen zur Entstehung und Zweckbestimmung von Erdstallanlagen weitgehend fehlen, lassen sich Hypothesen zur ursprünglichen Erdstallfunktion ungeachtet ihrer Plausibilität weder bestätigen noch widerlegen. Zwar kann mittlerweile aufgrund zahlreicher Altersbestimmungen datierbarer Funde eine Nutzung von Erdställen im Hochmittelalter mit hoher Wahrscheinlichkeit angenommen werden, aber die Suche nach Aufzeichnungen über Erdställe in Texten jener Epoche war bislang wenig erfolgreich. Weshalb schweigen die Quellen? Und welche Relevanz besitzen die Aussagen dreier Autoren des 13. Jahrhunderts, die in ihren Schriften Orte erwähnen, bei denen es sich um Erdställe handeln könnte?


Martin Müller

Ein Erdstall in Großostheim (Unterfranken)

Im Lößboden des historischen Ortskerns von Großostheim (Landkreis Aschaffenburg) sind mehrere unterirdische Ganganlagen erhalten. Darunter befindet sich ein Erdstall mit mehrfach abknickendem Gang, Schlupf und einer Schlusskammer, die mit fünf halbhohen Nischen ausgestattet ist.
Der bislang einzigen Dokumentation von 1934 werden Fotos, Untersuchungen und Vermessungen aus den letzten Jahren gegenübergestellt; charakteristische bauliche Details des Erdstalls erfahren eine vergleichende Darstellung. Forschungsbedarf besteht v. a. noch für den ehemaligen Zugangsbereich und die Schlusskammer.


Heike Gems-Müller, Josef Weichenberger

Die Schlusskammer in Erdställen

Wer in einer Erdstallanlage der Hauptrichtung folgt, erreicht in der Regel am Ende einen besonderen Raum: die Schlusskammer. Der Weg dorthin hält viele Hindernisse wie winkelige Gänge, enge Schlupfe und Höhenunterschiede bereit. Am Ziel, der Schlusskammer, angekommen, findet man häufig aus dem Gesteinsmaterial der Kammerwände herausgearbeitete Bänke und Nischen als Sitzgelegenheiten vor.
Die vorliegende Arbeit untersucht die Eigenschaften von Schlusskammern, insbesondere ihre Form, Größe, Lage und Ausstattung, anhand von Erdstallplänen und den Auswertungen statistisch erfasster Merkmale. Auf Grundlage der Untersuchungsergebnisse wird schließlich die Eignung von Schlusskammern als Zufluchtsräume für Schutzsuchende bewertet.


Werner Breuherr

Funktionale Komponenten von Erdställen zur Getreidespeicherung

Das Mittelalter war eine Phase bedeutender Weiterentwicklungen in der Landwirtschaft. Die Einführung der Dreifelderwirtschaft, verbesserte Pflugformen und eine größere Vielfalt im Anbau führten zu höheren Erträgen und damit zu neuen Herausforderungen bei der Lagerung von Getreide. Hier wird die These vertreten, dass in dieser Zeit auch die klassischen Getreidegruben zu Erdställen weiterentwickelt wurden, bevor die trockene, oberirdische Lagerung dominierte.
Während zwei vorangegangene Artikel die Organisation von Rundgangerdställen und deren Lagerbedingungen untersuchten, widmet sich dieser dritte Beitrag weiteren Typen von Erdställen, die für die Getreidelagerung genutzt wurden. Besonderes Augenmerk liegt auf den verschiedenen Methoden des Luftabschlusses sowie den baulichen Elementen und deren funktionalem Zusammenspiel. Ziel ist der Aufbau eines Kompendiums, um die Bestimmung von Erdställen, hier zunächst der Getreidespeicher, zu ermöglichen.


Werner Breuherr

Von Engeln und Frauen.
Erdställe als Zeugnis christlicher Volksfrömmigkeit

Während viele Erdställe in Löss und Kristallingestein sich durchaus als funktionale Bauten verstehen lassen, erweisen sich zahlreiche Anlagen vor allem in Altbayern und dem angrenzenden Oberösterreich als deutlich schwieriger lesbar. Kennzeichnend ist die Unzugänglichkeit, die eine praktische Nutzung erschwert und sich Deutungsmustern als Lagerraum entzieht. Charakteristische Merkmale von Erdställen zur Getreide-Speicherung fehlen weitgehend, während „zweckfreie“ Merkmale wie teilweise sakral anmutende Kammern auffallen. Zudem kommen diese Erdställe oft unter Kirchen vor.
Vor diesem Hintergrund wird hier ein Deutungsansatz vorgestellt, der die Gestaltung dieser Erdställe als christlich-symbolisches Motiv versteht, als das Heilige Grab. Das Heilige Grab in Jerusalem wurde im Jahre 1009 zerstört und rückte dadurch verstärkt ins Bewusstsein der christlichen Welt. In den folgenden Jahrhunderten entstanden zahlreiche Nachbildungen in ganz Europa – möglicherweise zählen auch die besagten Erdställe zu diesem Phänomen.


Martin Müller

Die Erdställe Nordwestbayerns – Zusammenstellung und Einordnung

In Unterfranken, dem Regierungsbezirk im Nordwesten Bayerns, wurden in der Vergangenheit Dutzende sehr verschiedenartige unterirdische Anlagen als Erdställe bezeichnet. In diesem Artikel sind die Informationen hierzu aus diversen Quellen, darunter auch unveröffentlichten, zusammengetragen und übersichtlich dargestellt. Darüber hinaus werden alle Objekte einer Einschätzung unterzogen, inwieweit sie aus Sicht der heutigen Forschung als Erdstall gelten können.


Interview von Otto Cichocki mit Lois Ullmann

Der Kellergräber

In Niederkreuzstetten im Weinviertel lebt Alois Ullmann. Seine Hobbys sind sehr vielfältig: Einmal hat er schon vor längerem begonnen, einige Kellerröhren in seinem Besitz zu verbinden und durch neue von ihm selbst gegrabene Räume zu erweitern. Die Erfahrungen dieser Grabetätigkeit sind für Erdstallforscher besonders interessant. Darüber hinaus haben die neuen Gänge zum Teil die Anmutung eines Erdstalls, da sie eng und gewunden in die Tiefe führen. Das abgebaute Material verwendet Alois teilweise zum Ausmauern der Kellererweiterungen; an einer Stelle ist es überaus reich an interessanten Mikrofossilien (Zähne, Wirbel, Ohrsteine von Fischen …). In diesen neuen Kellerabschnitten stellt er selbst gesammelte Fossilien und archäologische Artefakte aus. Als geprüfter Kellergassenführer zeigt er BesucherInnen gern seine Schätze und lädt zu einem Glaserl Wein in sein unterirdisches Reich.